Üblicherweise verwendet man das Wort Sex um Aufmerksamkeit zu erregen. Ich dachte aber, bei Fotografen und Fotografinnen, hat der obige Satz die gleiche Wirkung
Die Brennweite des Objektivs hat keinen Einfluss auf die Perspektive. (Sinngemäß), meint Andreas Feininger (zit. nach mikesch0815) und viele andere auch.
Ich beziehe mich auch weiterhin auf Andreas Feininger, obwohl ich noch nichts von ihm gelesen habe, weil es so schön provokativ ist
Die Aussage muss man nicht glauben, man kann es einfach praktisch nachvollziehen und stellt fest, dass eine Aufnahme mit Teleobjektiv immer einer exakten Ausschnittvergrößerung aus einer weitwinkligeren Aufnahme entspricht, wenn der Ort der Aufnahme nicht verändert wurde. Die Perspektive ist also definitiv die Gleiche, wenn man Perspektive als mathematisches Verfahren zur Abbildung eines dreidimensionalen Raumes auf eine zweidimensionale Fläche versteht. Hat Feininger also doch Recht?
Was ist nun mit den vielen Hinweisen, die man auch von vertrauenswürdigen Fotografen findet, die sagen, dass die Abbildung eines Teleobjektivs den Raum in der Tiefe gestaucht wiedergibt? Es wird von "Teleperspektive" gesprochen. Aha! Wie unterscheidet sich denn nun ein Teleobjektiv von einem Normalobjektiv? Durch die Brennweite! Ja, wie denn nun? Irrt Feininger doch?
Die Suche bei Google bringt reichlich Einträge zu "Teleperspektive". Darunter werden die beobachtbaren Phänomene beschrieben, die jeder unbefangene Beobachter nachvollziehen kann. Wie allerdings "Teleperspektive" entsteht findet man kaum erläutert. Patrick Stoesser bezeichnet sie in seinem Blog als "nichts als eine optische Täuschung" (http://www.realfragment.de/blog/index.p ... nfluss-auf" onclick="window.open(this.href);return false;". Eine Fata Morgana also? Mit nichten! Die Angelegenheit sollte eher anders herum betrachtet werden. Um das zu erläutern habe ich mich an meine Kenntnisse der Neuropsychologie erinnert. Der in diesem Zusammenhang bedeutsame Hauptlehrsatz daraus lautet:
Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.
Was heißt das? Fotografie und Bildgebung ist ohne unser menschliches Gehirn sinnlos. Bildgebung und das Verfahren, einen dreidimensionalen Raum auf einem Blatt wiederzugeben, ist eine Krücke, ein Werkzeug, um uns Menschen etwas erfahrbar zu machen, das im Moment abwesend ist. Und wie alle Werkzeuge, hat auch das Verfahren "Perspektive" seine Grenzen und Tücken. Eine dieser Tücken ist "Teleperspektive".
Wie kommt es denn nun zu diesem Eindruck der "Verdichtung" des Raumes bei einer Aufnahme mit einem Teleobjektiv?
Die fotografische Abbildung und der menschliche Seh-Wahrnehmungs-Apparat sind von ihrer Funktion her völlig verschieden. Während Fotografie das abbildet, was im dreidimensionalen Raum vor der Kamera existiert und direkt zweidimensional nach reproduzierbaren mathematisch-physikalischen Verfahren umsetzt, arbeitet unser Sehapparat anders. Das Auge scannt ständig die Umgebung und setzt die Scanergebnisse zu eine Bilderfahrung um. Wie genau ist noch Gegenstand von Forschung. Ein Bildarchiv hat man jedenfalls noch nicht im Gehirn gefunden. Stattdessen verwendet das Gehirn die gespeicherte Erfahrung von einer Vielzahl vorangegangener Seherfahrungen und verlässt sich bei bekannten Objekten mehr auf die Erinnerung als auf den Seheindruck. Es gibt eine Vielzahl von Experimenten, die dies Beweisen, indem sie die Erinnerung in die Irre führen. Das nennt man dann optische Täuschung. "Teleperspektive" ist so eine optische Täuschung.
Die Erfahrung zeigt, dass das Auge zweidimensionale Abbildungen, die mit ca. 50mm (KB) 25mm (mFT), also einem Bildwinkel von ca. 40° am sichersten mit der Seherfahrung aus der realen Welt übereinbringt. Abbildungen, die mit kürzerer oder längerer Brennweite aufgenommen wurden, werden beim Vergleich mit der Erinnerung als verzerrt wahrgenommen, abhängig von der Brennweite! (Feichtinger irrt!). Wenn aktuell keine Referenzwahrnehmung möglich ist, wird die Verzerrung aber nicht als solche erkannt, sondern für Wahr genommen (die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters). Wie kommt das? Dazu ein Versuch:
Zunächst habe ich die selbe Szene wie oben so aufgenommen, wie unser Auge sie in der Realität sieht, mit 26mm Brennweite. Die vordersten Klötze befinden sich am Bildrand und sind klar erkennbar Vordergrund. Die hintersten Klötze sind wesentlich kleiner und sind klar erkennbar Hintergrund. Die Fluchten konvergieren:
Unser Auge erwartet aufgrund von Vorerfahrung diese Ansicht, um die Perspektive korrekt zu verarbeiten.
Nun wird es aber ohne Kontrollmöglichkeit mit dieser Aufnahme mit 46mm Brennweite konfrontiert und geht wieder davon aus, dass die Klötze ganz außen im Vordergrund sind:
Die hinteren Klötze sind diesmal aber wesentlich größer und die Flucht breiter. Deshalb nimmt das Gehirn an, dass die Tiefe des Motivs geringer ist, als in der Wirklichkeit tatsächlich. Wohlgemerkt: Das Auge hat nicht das Bild mit der "tieferen" Perspektive zur Verfügung, sondern kramt die Merkmale aus der Erinnerung als Referenz. Vom Teleobjektiv weiß es ja nichts.
Weiter geht's im nächsten Post...
